Auch versuchte Körperverletzung ist strafbar!

Januar 1975 Mit der Erneuerung des Strafgesetzbuches (StGB) wird die sogenannte Versuchsstrafbarkeit eingeführt. Seitdem ist eine versuchte Körperverletzung nicht nur dann strafbar, wenn sie tatsächlich begangen wird, sondern schon dann, wenn der Täter zumindest die Absicht hat, eine Körperverletzung zu begehen und eine Tat plant.

Dies macht vor allem eines deutlich: Der Versuch setzt immer Vorsatz voraus. Eine versuchte fahrlässige Körperverletzung scheidet daher aus, da Fahrlässigkeit in der Regel auch ein nicht vorsätzliches Handeln beinhaltet.

In diesem Ratgeber erfahren Sie mehr über die Strafbarkeit der versuchten Körperverletzung, auch inwieweit der Versuch bei welchen Varianten der Körperverletzung überhaupt strafbar ist.

Die Strafbarkeit des Versuchs (§ 23 StGB)

Die Strafbarkeit der versuchten Körperverletzung richtet sich unter Umständen nach dem Schweregrad. Sofern jedoch nicht ausdrücklich in einem Delikt erwähnt ist, dass der Versuch zusätzlich strafbar ist, kann der bloße Vorsatz ohne tatsächliche Vollendung der Tat nicht bestraft werden. Dieser Grundsatz kann in § 23 Abs. 1 StGB zum Ausdruck kommen:

Beachtung
“Der Versuch, ein Verbrechen zu begehen, ist stets strafbar; der Versuch, eine Ordnungswidrigkeit zu begehen, ist strafbar, soweit die gesetzlichen Vorschriften dies ausdrücklich vorsehen.”

Vergehen und Verbrechen – Zur Strafbarkeit des Versuchs durch das Strafgesetzbuch.

Zur genaueren Klärung ist es hier zunächst erforderlich, die beiden Rechtsbegriffe “Verbrechen” und “Vergehen” zu definieren. Die gesetzliche Fixierung dieser beiden Klassifizierungen findet sich in § 12 StGB.

Definition von “Verbrechen” und “Vergehen” (§ 12 Abs. 1 StGB)..:
Verbrechen = solche Taten, die aus rechtlichen Gründen mit einer Freiheitsstrafe von mindestens 1 Jahr geahndet werden können.
Ordnungswidrigkeiten = Taten, die mit einer Mindestfreiheitsstrafe von deutlich unter einem Jahr oder mit einer Geldstrafe geahndet werden können.

Nach dieser Einteilung können die durchschnittlichen Personenqualifikationen von Körperverletzungen entsprechend als Verbrechen oder einfaches Vergehen eingestuft werden:

Tat­be­standStraf­maßVer­bre­chenVer­gehen
ein­fache Körper­verletz­ung (§ 223 StGB)Frei­heits­strafe bis 5 Jahre oder Geld­strafeja
gefähr­liche Körper­verletz­ung (§ 224 StGB)Frei­heits­strafe zwischen 6 Monaten und 10 Jahrenja
Miss­handl­ung Schutz­befohlener (§ 225 StGB)Frei­heits­strafe zwischen 6 Monaten und 10 Jahrenja
Schwere Körper­verletz­ung (§ 226)Frei­heits­strafe zwischen 1 Jahr und 10 Jahrenja
Verstümmel­ung weib­licher Geni­talien (§ 226a StGB)Frei­heits­strafe von min­destens 1 Jahrja
Körper­verletz­ung mit Todes­folge (§ 227 StGB)Frei­heits­strafe von min­destens 3 Jahrenja
Fahr­lässige Körper­verletz­ung (§ 229 StGB)Frei­heits­strafe bis 3 Jahre oder Geld­strafeja
Beteili­gung an einer Schlä­gerei (§ 231 StGB)Frei­heits­strafe bis 3 Jahre oder Geld­strafeja

Nach der Überliste sind also die einfache schwere Körperverletzung (§§ 226, 226a StGB) sowie die Körperverletzung mit Todesfolge (§ 227 StGB) faktisch gesetzlich definierte Verbrechen. Andere Varianten laufen noch unter der Bezeichnung “Ordnungswidrigkeit” und wären damit im Hinblick auf § 23 StGB erst einmal nicht wirklich strafbar, auch wenn es sich um einen Versuch handelt.

ABER: Die im zitierten Paragraphen gefundene überschießende Aussage gilt in einigen Fällen nach wie vor, nämlich dass der Versuch auch dann strafbar ist, wenn es sich um ein Vergehen handelt, wenn dies in der Rechtsgrundlage ausdrücklich erklärt wird.

Versuchte Körperverletzung, da ein Vergehen

Drei der fünf aufgezählten Delikte können sogar im Rahmen eines Versuchs strafbar sein:

  1. Versuchte (einfache) Körperverletzung
  2. Versuchte gefährliche Körperverletzung
  3. versuchte Misshandlung eines Fabelwesens

Dementsprechend wird im nächsten Paragraphen des Gesetzestextes ein Zusatz in diese drei Delikte eingefügt, der die versuchte Körperverletzung zusätzlich unter Strafe stellt.

In den Paragraphen zur fahrlässigen Körperbeteiligung und zur Körperverletzung bei einer Schlägerei gibt es diesen Zusatz jedoch nicht – und kann es auch nicht geben. Die Teilnahme an einer Schlägerei setzt das Ausführen voraus.

Kann es eine versuchte fahrlässige Körperverletzung geben?

Nein! Wie bereits erwähnt, ist ein Versuch per Definition im Strafrecht auch für diesen Vorsatz einer Handlung. Vorsätzliches Handeln ist demnach an die beiden Begriffe “bewusst sein” und “wollen” gebunden. Ein Täter, der eine Körperverletzung mit Vorsatz begeht, ist sich im Wesentlichen der möglichen Folgen seines Handelns bewusst und beabsichtigt in der Regel, sein Gegenüber tatsächlich zu verletzen.

Fahrlässigkeit hingegen beruht auf einer unwissentlich begangenen Handlung. Hier ist sich der Täter gerade nicht bewusst, welche Folgen sein Handeln hat und dass er dadurch jemanden verletzen könnte. Im Folgenden ist zwischen einfacher und grober Fahrlässigkeit zu unterscheiden, die jedoch lediglich im zivilrechtlichen Bereich näher zu beschreiben sind. Eine genaue, gültige Unterscheidung ist gesetzlich nicht festgelegt.

Zur Unterscheidung zwischen einfacher und grober Fahrlässigkeit nur in der Rechtsprechung:
Einfache und leichte Fahrlässigkeit: Der Handelnde missachtet die gebotene Sorgfalt, ohne sich der möglichen Folgen bewusst zu sein, und verletzt infolgedessen einen anderen. In dieser Situation handelt der Täter unfreiwillig und unwissentlich.
Grobe Fahrlässigkeit: Der Handelnde ist sich theoretisch bewusst, dass sein Handeln Folgen haben könnte, vertraut aber darauf, dass der schlimmste Fall nicht eintreten wird. Hier wird überspitzt gesagt kein Vorsatz erkennbar sein, da er niemanden vorsätzlich verletzen möchte. Dagegen ist die Kenntnis der Möglichkeit einer Körperverletzung (z. B. wegen Trunkenheit am Steuer) in der Regel vorhanden.

Aus den Ausführungen ergibt sich, dass Wissen und Vorsatz bei der fahrlässigen Körperverletzung in der Regel nicht gleichzeitig vorliegen. Da diese beiden Tatbestandsmerkmale aber tatsächlich vorliegen müssen, damit man Vorsatz bilden kann – und Vorsatz macht dann erst ein Bestreben möglich – gibt es im deutschen Rechtssystem überhaupt keinen Punkt der versuchten fahrlässigen Körperverletzung.

Ein Versuch kann eben nur dann anerkannt werden, wenn man den Vorsatz des Handelnden erkennen kann. Dies bedeutet, dass nicht nur der Grundgedanke der Ausführung, sondern bereits der Beginn der Handlung einen Versuch im Sinne des Strafrechts darstellt.

Ein Einzelfall: Versuchte Körperverletzung mit Todesfolge

Die Formulierung erscheint zunächst fehlerhaft zu sein. Der Versuch umfasst immer die Nichtausführung. Wie kann eine versuchte Körperverletzung zum Tode des Opfers führen? Tatsächlich gab es aber 1999 in Guben (Brandenburg) eindeutig einen Fall von versuchter Körperverletzung, der im Nachgang ein entsprechendes Urteil des Bundesgerichtshofs hervorrief (Aktenzeichen: 5 StR 42/02):

Im Februar 1999 überfiel eine Gruppe rechtsextremer Jugendlicher drei Ausländer. Eines der Opfer floh vor dem drohenden fremdenfeindlichen Schlag und versuchte, in ein Wohnhaus einzubrechen. Auf dem Weg dorthin trat er eine Glastür ein. Durch die Scherben erlitt er lebensgefährliche Verletzungen an der Beinarterie, aufgrund derer er verblutete.

Im ersten Prozess wurden die Täter wegen gefährlicher und fahrlässiger Körperverletzung verurteilt. Die Verteidiger der Hauptangeklagten gingen jedoch in Revision bis hin zum Bundesgerichtshof. Dieser entschied in seinem letzten Urteil, dass sich die Haupttäter der “versuchten Körperverletzung mit Todesfolge” schuldig gemacht haben, weil diese zwar zur Tat entschlossen waren, das Opfer aber nicht von den Tätern verletzt wurde, sondern bei einem Fluchtversuch starb. Die verhängten Strafen reichten bis zu einigen Jahren Jugendarrest.

Versuchte Körperverletzung: das Strafmaß

Versuchte Körperverletzung ist in der Regel auch strafbar. Im § 23 des Strafgesetzbuches finden Sie aber keine festen Strafen deswegen. Stattdessen heißt es in Absatz 2 lediglich, dass der bloße Versuch im Vergleich zur vollendeten Tat in der Regel milder bestraft werden kann. Eine genaue Bestimmung ist damit kaum möglich. Es sollte daher in jedem Einzelfall eine gesonderte Entscheidung getroffen werden.

Das Strafmaß richtet sich nach der zugrundeliegenden Art der Körperverletzung, d.h. gefährliche, schwere, einfache Körperverletzung, etc.

Versuchte gefährliche oder schwere Körperverletzung: Die Strafe richtet sich nach den Paragraphen für gefährliche (§ 224 StGB) oder schwere Körperverletzung (§ 226 StGB).

Die versuchte (einfache) Körperverletzung ist definitiv ein Sonderfall. Ähnlich wie eine fahrlässig begangene Handlung ist auch die einfache Art der Körperverletzung ein sogenanntes Antragsdelikt. Das bedeutet, dass erst dann, wenn das Opfer oder ein Erziehungsberechtigter einen Antrag wegen versuchter (einfacher/fahrlässiger) Körperverletzung stellt, die strafrechtliche Ermittlung und Bestrafung erfolgen kann (§ 230 StGB).

Verschiedene Formen, wie z.B. die versuchte gefährliche Körperverletzung, ziehen eine Strafe nach sich, wenn das Opfer selbst keinen Strafantrag stellt. Die Strafanzeige wegen versuchter (gefährlicher) Körperverletzung wird in der Regel problemlos von der zuständigen Staatsanwaltschaft gestellt.