Was ist Zivilcourage? Zur Bedeutung des Bürgermutes

Jeder ist dem Wort wohl schon einmal in seinem Leben begegnet, aber die wenigsten können mit dem Begriff “Zivilcourage” wirklich etwas anfangen. Für etwas einstehen, in der Politik und im Alltag für etwas kämpfen, Mut und Zähne zeigen?

Mit der Zivilcourage verhält es sich so, dass sie mittlerweile überall zu finden ist und auch in verschiedenen Zusammenhängen genannt werden will: Politiker, Bürger und Organisationen zeigen Zivilcourage im Kampf gegen Rechtsradikalismus – oder wie derzeit üblich: Rechtspopulismus -, Fremde greifen in körperliche Auseinandersetzungen ein, um anderen Menschen maßgeblich zu helfen, Zivilcourage wird wohlwollend auf und in Bussen und Bahnen in Großstädten “beworben”. Doch was bedeutet Zivilcourage konkret?

Und ist es überhaupt eine gute Idee, sich für andere einzusetzen, angesichts der manchmal tragischen Formen von Zivilcourage im Alltag? Und wie genau verhält sich Zivilcourage zu Selbstverteidigung und Nothilfe? Finden Sie im Folgenden heraus, wie man Zivilcourage beschreiben könnte und welche Ratschläge die Polizei für Bürger hat.

Zivilcourage – die Vorgeschichte des französischen Lehnworts

Der Begriff der Zivilcourage ist im Vergleich zu anderen ein sehr junges Wort, das über das Französische ins Deutsche entlehnt, d.h. übertragen, wurde. Genau genommen handelt es sich übersetzt um die “Zivilcourage”. Sie kam als courage civile 1835 in Frankreich erstmals auf und meinte den Mut des Einzelnen, sich ein eigenes Urteil zu bilden und für dieses einzustehen. Es war ein Anlass des Umbruchs: Nach dem Auslaufen der Französischen Revolution strebt das Großbürgertum nach immer mehr Macht. Der damalige König Louis-Philippe I. – auch “Bürgerkönig” (Roi Citoyen) genannt – füllte eine immer repräsentativere Stellung in der so genannten Julimonarchie aus.

Die politische Macht fiel zunehmend in die Hände der Abgeordnetenkammer und der in der Restaurationszeit bewährten Parlamentskammer. So regierten sich die vielen Menschen in vielen Angelegenheiten zunehmend selbst. Courage civile war Ausdruck des gestärkten Selbstbewusstseins genau jener Franzosen, die nicht mehr blindlings den Weisungen und Urteilen ihres Königs folgten, sondern aus eigener Überzeugung aufstanden und das gesellschaftliche und politische Leben selbst gestalteten.

Durch die Ära der nächsten Französischen Republik (1870 bis 1940) – genauer gesagt für das Jahr 1898 – wandelte sich der Ausdruck in courage civique (Zivilcourage), was zusätzlich den Puls der Zeit widerspiegelte: Man war nicht mehr Untertan einer Monarchie, jedoch nun Bürger von Verhältnissen, in denen sich die vielen Menschen überwiegend selbst regierten – durch die Art einer demokratisch gewählten Autorität.

Die erste bekannte deutsche Entlehnung des Wortes “Zivilcourage” stammt aus dem Jahr 1864 und wurde von dem einzigen Otto von Bismarck, dem damaligen Ministerpräsidenten des Königreichs Preußen und späteren ersten Kanzler des Deutschen Reiches (1871 bis 1890), geschaffen.

Der Aussage soll bereits ein Vorfall im preußischen Landtag vorausgegangen sein: Bismarck kritisierte, sich weniger bei einem Verwandten eingemischt zu haben, von dem er sich im Rahmen einer Debatte im Stich gelassen fühlte. In Übereinstimmung mit Robert von Keudell, einem deutschen Diplomaten und Freund Bismarcks, sagt dieser danach:

Beachtung
“Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Allgemeingut, aber Sie werden nicht finden, dass es wahrhaft ansehnlichen vielen Menschen nicht selten an Zivilcourage fehlt.” (Otto von Bismarck, 1964)

Offensichtlich übernahm er sogar diesen Ausdruck aus dem Französischen und beschrieb damit, wie zahlreich das Verhalten der meisten Menschen ist, die anscheinend nicht wirklich den entscheidenden Mut haben, für ihre politischen Überzeugungen – oder vielleicht zumindest für die von Bismarck – vor anderen einzutreten, während Mut und Tapferkeit auf dem Schlachtfeld jedem leicht zu fallen scheinen.

Was bedeutet Zivilcourage heute?

Aus der realen Definitionsgeschichte ist bisher ersichtlich, dass der Begriff der Zivilcourage von Anfang an eng mit der politischen Urteilsfähigkeit der Bürger verbunden war. Im Laufe der Zeit hat sich dies jedoch ausgeweitet. Mehr und mehr schloss Zivilcourage sogar eine soziale Dimension mit ein: das Eintreten für gesellschaftliche neben ethischen Werten und Normen.

Auch heute noch ist “Zivilcourage” eng mit sozialen Strukturen verknüpft, denn Bedeutungskonzepte sind nicht einmal selbstverständlich einer Gesellschaft inhärent, sondern werden vielmehr im Laufe der Zeit geformt.

So finden sich auch heute noch in zahlreichen Gesellschaftssystemen unterschiedliche Normen, wobei die bekanntesten wohl schon sehr viele Menschen weltweit vereinen, wie z.B:

  1. Die Menschenrechte
  2. Menschenwürde
  3. Gerechtigkeit

Aber auch der Begriff der Zivilcourage offenbart ein auf den Durchschnittsmenschen reduziertes: Eintreten für einen Menschen, dessen persönliche Integrität angegriffen oder verletzt wird – tatsächlich oder psychisch.

Zivilcourage erfordert ein gewisses Maß an Öffentlichkeit. Zivilcourage kann eben nur von Menschen gezeigt werden, die dies tatsächlich vor anderen tun – sei es innerhalb einer gemeinnützigen Gruppe oder beim Eingreifen in eine körperliche Auseinandersetzung.

Keine Definition von Zivilcourage ohne eine Diskussion über “Mut”

Ob es nun Bismarck zu seiner Zeit war oder eine ältere Person, die von einer Gruppe von Angreifern bedrängt wird: Ein besonders kritischer Punkt bei der Betrachtung von Zivilcourage bedarf der Diskussion, nämlich die des Begriffs “Mut”.

Es ist unerreichbar, eine Begründung für Zivilcourage zu entwickeln, wenn nicht gleichzeitig die Courage selbst betrachtet wird. Schon in der großen mittelalterlichen Dichtung galt hôhe muot (edler Mut) durchaus als eine der Haupttugenden eines ausgezeichneten Rittertums und prägte das Bild des “edlen Ritters ohne Furcht und Tadel” (französisch chevalier sans peur et sans reproche, Ausdruck aus dem 15.)

Doch aus dem Adel wurde Hochmut, der bekanntlich dem Fall vorausgeht.

In der Neuzeit kennt die deutsche Sprache eine Reihe von Kombinationen, die sich der zunehmenden Differenzierung verdanken – Wankelmut je, Wagemut, Schwermut, Sanftmut, Anmut und vieles mehr. Der allen zugrundeliegende Kern – Mut als Wesensmerkmal – fungiert auch heute noch in der Art einer Tugend als die rechte Mitte (um der aristotelischen Tugendlehre zu folgen), die zwischen viel und zu wenig steht – als ein ausgezeichnetes zu.

Als Synonym für den Begriff “Mut” aus dem Indogermanischen wurde das französische Wort courage ins Deutsche entlehnt. Im sozialen Bereich wird die spezielle Form der Zivilcourage neben dem normaleren Begriff des Mutes verwendet.

Grundsätzlich spiegeln sowohl Mut als auch Tapferkeit eine Charaktereigenschaft wider, die einer Person hilft, trotz Widerständen und praktischer Selbstgefährdung für ein anerkanntes Fantastisches einzustehen. Dabei ist sie oder er sich des machbaren Risikos bewusst. Eine Frau mit Zivilcourage entscheidet sich dafür, Normen und Werte zu bewahren, obwohl dies für sie oder ihn einen belastenden oder gefährlichen Umstand bedeuten kann. Der Unterschied zwischen einfacher Zivilcourage und Zivilcourage liegt also in der Regel in der zugrunde liegenden Motivation.

Genau dieser Fall der Bedrohung ist es, der Zivilcourage von den Begriffen der zusätzlichen Hilfe, der Tapferkeit oder der Solidarität abgrenzt. Zwar geht Zivilcourage oft mit der Hilfeleistung an eine Person einher. Dennoch kann nicht jede Art der Hilfeleistung als Zivilcourage bezeichnet werden.

Tapferkeit mag erforderlich sein, wenn die eigene Überzeugung gegen einen anderen verteidigt werden soll, aber wer in Bezug auf einen Wettbewerb, einen Vergleich, einen Kampf etc. tatsächlich tapfer ist, zeigt nicht automatisch auch Zivilcourage. Zwar zeigen viele Menschen mit Zivilcourage meist auch Solidarität mit einem physisch oder psychisch angegriffenen Menschen. Aber: Nur weil ein Freund oder Verwandter sich normalerweise mit anderen solidarisch zeigt – sich im Grunde mit ihnen verbunden fühlt -, handelt er aber nicht auch routinemäßig mutig.

Welche Arten von Zivilcourage lassen sich unterscheiden?

Hier sind einige grundlegende Arten von Zivilcourage aufgelistet, die sich allgemein unterscheiden lassen (nach Gerd Meyer):

  1. Für etwas eintreten: Hier fehlt meist ein guter Druck, etwas zu tun. Diese Form ist vor allem dann notwendig, wenn Organisationen oder Menschen – zusätzlich in der Politik – gängige Werte bedroht sehen und für deren Erhalt eintreten (z.B. im Kampf gegen Radikalismus, Intoleranz, etc.).
  2. Sich selbst zu verteidigen: Das basiert auf der Anspannung, aufgrund einer expliziten Bedrohung der persönlichen Integrität und auch der Grundwerte zu handeln (wie z.B. bei Mobbing, körperlichen Übergriffen, Missbrauch, Ungerechtigkeit, usw.). Whistleblowern kann unter dieser Perspektive ein zivilcouragiertes Handeln zugeschrieben werden.
  3. Intervention: Bei dieser Art von Zivilcourage ist die Aufforderung zum Handeln sehr ausgeprägt. Es handelt sich in der Regel um eine Reaktion auf einen unvorhergesehenen Umstand und eine akute Bedrohung, z. B. einen Angriff mehrerer Jugendlicher auf einen Obdachlosen.

Der letzte Punkt ist insbesondere mit der sogenannten Nothilfe verbunden. Ein Mensch, der in diesem Moment Zivilcourage zeigt, betritt die konkrete Situation in der Regel von außen, d.h. er wird nicht von vornherein selbst Opfer eines bösen körperlichen Angriffs. Vielmehr geht er dem in Not geratenen Opfer zur Hilfe und versucht, die Angreifer zu bekämpfen.

Bei den anderen beiden Formen ist eine Krisenhilfe nicht gegeben, da keine akute Gefährdungssituation der Handlung des zivilcouragierten Menschen den Ausschlag geben darf.

Zivilcourage bedeutet Gefahr?

Nach diesen ausführlichen Überlegungen stellt sich heraus: Zivilcourage ist eng verbunden mit einem Gefährdungspotential für den einschreitenden Bürger. Das zeigt sich auch heute noch häufig im Alltag. Organisationen, die Zivilcourage im Kampf gegen radikale Gruppen zeigen und ihnen offen entgegentreten, sind nicht selten von Anfeindungen, Informationen und Drohungen oder körperlichen Schäden betroffen.

Nur ein prominentes Beispiel aus der unmittelbaren Vergangenheit: In Jamel, einem winzigen Dorf in Nordwestmecklenburg, setzt sich das Künstlerehepaar Lohmeyer seit geraumer Zeit für den Kampf gegen Rechtsextremismus ein und organisiert regelmäßig Veranstaltungen auf dem familieneigenen Bauernhof, um auf die Herausforderung – die es auch im eigenen Dorf gibt – aufmerksam zu machen und Mitstreiter zu gewinnen.

Regelmäßig musste das Ehepaar Anfeindungen, Drohungen und Beleidigungen nicht nur aus der eigenen Gemeinde ertragen, bis schließlich im August 2021 ein Brandanschlag auf eine Scheune auf dem denkmalgeschützten Hofgelände verübt wurde, die komplett ausbrannte.

Verletzt wurde niemand, doch die Bedrohungslage war eindeutig. Der oder die Täter konnten nicht ermittelt werden.

Und trotz der Gefahr bleibt dem Ehepaar Zeit, das Recht dafür zu bekämpfen. Nur selten wird im Ergebnis deutlich, dass Zivilcourage nicht nur an eine vermeintliche, sondern auch an eine tatsächliche Gefährdungssituation geknüpft ist.

In den letzten Jahrzehnten gab es jedoch viele traurige Höhepunkte, bei denen Personen, die Zivilcourage gezeigt haben, tatsächlich mit ihrem Leben bezahlt haben.

Bedrohung durch Zivilcourage – Tragische Beispiele aus der jüngeren Geschichte

  1. Dominik Brunner: Im September 2021 wurden zwei Wissenschaftler an einer Münchner S-Bahn-Station von zwei Jugendlichen angegriffen und bedroht und in der S-Bahn selbst immer weiter verfolgt. Dominik Brunner hat dies mitbekommen, die Polizei alarmiert und mit den beiden Stipendiaten am Bahnhof Solln – den die Jugendlichen benutzt haben – die Lehre abgebrochen. Es kam zu einer Rangelei zwischen Brunner und den beiden Jugendlichen. Als Brunner zu Boden fiel, traten und schlugen die beiden zunächst weiter auf das Opfer ein. Brunner verstarb einige Tage später in einem Krankenhaus, allerdings nicht an den Verletzungen, die ihm der körperliche Angriff unmittelbar zugefügt hatte. Er erlitt einen Herzstillstand als Folge eines vergrößerten Herzens, das der körperlichen Belastung nicht mehr standhalten konnte.
  2. Emeka Okoronkwo: IM MAI 2021 wurden zwei junge Frauen im Frankfurter Platzviertel von zwei Männern eritreischer Herkunft massiv sexuell belästigt und zu sexuellen Handlungen aufgefordert. Da die Frauen den Männern aus dem Weg gehen wollten, wurden diese tatsächlich aggressiv und empört. Unter anderem spuckten die Männer die Damen möglicherweise an. Emeka Okoronkwo, ein Restaurantleiter aus Nigeria, der seit 13 Jahren in Hessen wohnt, greift in die Situation ein, woraufhin es zu einem Handgemenge zwischen den drei Männern kommt. Einer der Angreifer ergriff schließlich ein Messer und stach Okoronkwo in die Brust. Der 21-jährige Helfer starb einige Stunden später in einer medizinischen Einrichtung an den Folgen der zugefügten Herzkammerschäden. Der Täter wurde zwar wegen Totschlags verurteilt.
ABER: Zivilcourage zu zeigen, hat zum Glück auch solche tragischen Folgen. In vielen Fällen reicht es aus, Stellung zu beziehen und zu demonstrieren, dass von anderer Seite Widerstand droht, um Gewalttäter zur Unterlassung zu bewegen. Einem großen Teil der Menschen, die Zivilcourage zeigen, gelingt dies, auch ohne ihr eigenes Leben zu opfern.


Zivilcourage zum Schutz der Gesellschaft

Viele Personen werden zu Helden der Geschichte und des Alltags, weil sie sich für die Rechte einfacher Menschen und moralische Werte einsetzen und in brenzligen Situationen eingreifen.

Es gibt zahlreiche Beispiele für Zivilcourage, die ohne Bedrohung, Gefahr oder Angst viel in der globalen Welt bewegt haben und immer noch bewegen. Nicht alle handeln öffentlich wie Malala Yousafzai, Edward Snowden oder Nelson Mandela.

Wichtig sind vor allem auch die Alltagshelden, die sich nicht einschränken und einschüchtern lassen. Denn sie wollen vor allem die globale Welt besser machen, in der wir alle und sie selbst jeden Tag aufeinandertreffen. Ohne die meisten Menschen mit Zivilcourage wären die Werte einer heutigen Gesellschaft schnell nicht nur bedroht, sondern würden in naher Zukunft vergessen und aufgelöst werden. Gesellschaften könnten recht schnell im Chaos versinken.

Es ließen sich zahlreiche Argumente für das Für und Wider des Zeigens von Zivilcourage aufzeigen. Am Ende erscheinen die edlen Motive und die Konsequenzen, die mutiges Handeln haben kann, viel gewichtiger.

Wahrscheinlich ist das Motto der Musketiere – “Einer für die meisten und alle für den Anfang!” – ein unerreichbares Ideal sein. Dennoch eint die Sehnsucht nach einer Welt, in der jeder für alle einsteht und kein Mensch mit Problemen und gefährlichen Umständen allein gelassen wird, fast die gesamte Menschheit. Und jeder Einzelne kann etwas dazu beitragen.

Wenn Sie Opfer von Gewalt geworden sind oder noch mehr Informationen zu den Themenschwerpunkten Gewaltschutz wünschen, können Sie sich an Standes- und Landesorganisationen wenden. Sie können Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen:
Multilevel gegen Gewalt, die in Berlin tätig sind
Frauengesundheitsportal (bundesweit)
WEISSER RING e. V. (bundesweit)

Beispiele für Zivilcourage im Alltag

Es müssen auch nicht immer die großen Heldengeschichten sein. Zivilcourage im Alltag zu zeigen, macht die Welt auch zu einem besseren Ort. Es gibt viele Szenarien, in die Menschen immer wieder geraten, bei denen Zivilcourage angebracht erscheint. Hier ein paar Beispiele:

Ein Kollege wird offen diskriminiert und vom Chef stark unter Druck gesetzt. Daraufhin kann man den Chef zur Rede stellen und auch andere Kollegen ins Boot holen. Am Ende kann der Chef manchmal die meisten seiner Mitarbeiter deswegen nicht feuern. Je mehr Leute also dem Kollegen die Treue halten, desto größer ist das Signal und desto leichter und einfacher ist es, am Ende erfolgreich zu sein.

Ein Jugendlicher läuft nachts durch die Straße und tritt Spiegel von geparkten Autos ab oder zündet mit einer Gaskappe Feuer an. Es ist möglich, umzudrehen und weiterzufahren, oder es ist möglich, das Interesse des Jugendlichen und auch anderer Passanten zu wecken.

Bei einem Erzieher wurde eine Frau von einem betrunkenen Mann geschubst und belästigt. Es ist möglich, treu zu bleiben und den Mann auf sich aufmerksam zu machen, zu erwähnen, dass man die Polizei benachrichtigen wird und mehrere andere Fahrgäste dazu zu bringen, ebenfalls einzugreifen.

Es wird unheimlich deutlich: Je mehr Menschen aufstehen und für etwas treu bleiben oder vielleicht einen Freund oder Verwandten verteidigen, desto schneller könnte das von Erfolg gekrönt sein. Aber irgendjemand muss immer den Anfang machen. Und da ist Zivilcourage gefragt.

Wegschauen kann sogar strafbar sein!

Allzu oft zeigt sich im Ernstfall jedoch: Die meisten Menschen, die eingreifen könnten, ducken sich in die Ferne. “Irgendjemand wird schon etwas tun”, “Was ist schon dabei?”, “Ich kann sowieso nichts tun”. Solche Sätze sind vielen Menschen schon einmal durch den Kopf gegangen. Und manchmal kam dann die erlösende Minute, in der sich jemand anderes um die Sache gekümmert hat.

Aber stellen Sie sich vor, wenn jeder so denken würde?

Ob bei einem Verkehrsunfall, einem versuchten Überfall oder einer massiven Belästigung: Grundsätzlich hat jeder die Pflicht, in einer Notsituation anderen ruhig zu Hilfe zu kommen, wenn das zumutbar und ohne lebenswichtige Eigengefährdung möglich ist. Unterlassenes Handeln kann den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung erfüllen.

Im härtesten Fall kann das Unterlassen einer Handlung strafrechtlich mit der Tat selbst gleichgesetzt werden. “Wegschauen ist Mitmachen” – so heißt auch ein umfangreiches Lehrvideo, das von der Kriminalprävention der Polizei und der Regierung zum Umgang mit Zivilcourage in Schulen zur Verfügung gestellt wird.

Und das Zuschauen kann als bloßes Unterlassen gewertet werden. Wer in diesem Fall das Ganze mit seinem Smartphone – Stichwort: Gaffer – in einem Bild oder Video festhält, macht sich strafbar.

Im Übrigen: Wer als Helfer in der Not eingreift, bei Unfällen aller Art erste Hilfe leistet, im Interesse der meisten Menschen handelt, ist gesetzlich versichert (§ 2 SGB VII).

Aber: Grundsätzlich ist niemand gesetzlich verpflichtet, sich in akute Lebensgefahr zu begeben, um einem anderen Menschen zu helfen. Im Zweifelsfall also: Nicht den Helden spielen!

Zivilcourage zeigen – Strafverfolgungsbehörden geben Ratschläge für Notfälle

Doch was ist das richtige Verhalten in dieser Situation? Nicht nur aus moralischen Gesichtspunkten. Die Polizei erfährt von der Angst vieler Menschen, in verfahrenen Situationen einzugreifen und Zivilcourage zu zeigen.

Damit Sie aber weniger Zivilcourage für Deutschland haben, hat die Kriminalprävention der Polizei und der us-amerikanischen Regierung die “Aktion tu was first” (TAKE ACTION Campaign) ins Leben gerufen. Das Kalkül: Je mehr Menschen Zivilcourage zeigen, desto weiter soll die Kriminalitätsrate sinken.

Zusätzlich zu den Angeboten für Einzelpersonen und Schulen gibt es auch intensives Informationsmaterial für jeden einzelnen Bürger. Die Polizei gibt Anleitungen und Hilfestellungen, wie man sich im Ernstfall richtig verhält – ohne sich selbst zu gefährden:

  1. Helfen, ohne sich selbst zu gefährden: Die Behörden raten generell davon ab, den Helden spielen zu wollen. Ein lautes Wort kann die Täter in der Regel dazu bewegen, ihr Opfer freizulassen. Halten Sie aber immer einen ausreichenden Abstand – vor allem, wenn die Angreifer offensichtlich körperlich überlegen oder bewaffnet sind.
  2. Die Behörden raten außerdem, die Angreifer niemals mit “Duzen” anzusprechen. Das “Du” hält die Täter ebenfalls psychologisch auf Abstand und wirkt auch nicht respektlos.
  3. Bitten Sie um Hilfe: Die meisten Personen ducken sich oft weg. Sie können aber die meisten anderen Personen bitten, sich ebenfalls aktiv einzumischen, um wahrhaftig zu bleiben und Gesicht zu zeigen. Die besten Personen antworten auf eine direkte Ansprache, weil sie dann im Zentrum der Situation stehen und somit entlastet sind, eine Entscheidung darüber zu treffen. Je mehr Personen sich hinter sie und das Opfer stellen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich die Situation ohne weitere Auseinandersetzung auflöst.

Beobachten Sie genau: Prägen Sie sich bestimmte Merkmale der Täter ein. Wenn sie tatsächlich fliehen, kann Ihre detaillierte Aussage dazu beitragen, die Angreifer zu überführen und zu fassen.

  1. Rufen Sie die Strafverfolgungsbehörden an: Wählen Sie den Notruf oder sprechen Sie mit einer anderen Person, um dies zu tun. Zusätzlich können Sie den Strafverfolgungsbehörden sofort mitteilen, ob Sie verletzte Personen vorfinden – sie werden dann ebenfalls einen Krankenwagen zum Tatort schicken. Wenn die Täter bereits geflüchtet sind, können Sie die aktuellen Eigenschaften der Täter übermitteln, damit eine sofortige Ringalarmfahndung (Speedy Search) eingeleitet werden kann. Es ist dann wirklich möglich, dass die Strafverfolgungsbehörden die Täter im Laufe der Zeit erwischen.
  2. Helfen Sie dem Opfer: Kümmern Sie sich nach dem Angriff um das Opfer unter den Angreifern. Leisten Sie Erste Hilfe und üben Sie einen beruhigenden Einfluss auf das Opfer aus. Ermutigen Sie andere, ebenfalls einfach zu helfen.
  3. Zeugenaussage: Bleiben Sie am Tatort, bevor die Polizei eintrifft, und nehmen Sie Ihre Aussage über den Vorfall auf. Dies kann es den Beamten erleichtern, das Verbrechen zu analysieren und zu verfolgen. Die Polizei ist möglicherweise auf Augenzeugenberichte angewiesen, um die Täter eindeutig zu überführen, da die Beamten selbst nicht zur besten Zeit am Tatort sind.

Ausführliche Informationen zum Thema Zivilcourage und Techniken für Zeugen und Helfer bietet die Initiative “AKTION-TU-Was tun”, die von der Polizei einfach ins Leben gerufen wurde.

Wie viele Menschen zeigen unter den gegebenen Umständen tatsächlich Zivilcourage? Statistiken darüber sind schwer zu erstellen. Sicher ist, dass der überwiegende Teil Zivilcourage im alltäglichen Handeln als ideal und wichtig empfindet, aber nur sehr wenige handeln in dieser Situation tatsächlich danach.